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Der Faktor vier

Manchmal kann es passieren, dass man völlig frei und unbeschwert durch die Fußgängerzone einer großen Stadt schwebt. Sei es, weil man den freien Tag genießt, sei es, weil einen niemand kennt und mit Namen anredet. Das sind die goldenen Tage im Lehrerleben, einfach eine Hose anprobieren,  aus der Kabine treten und erst dann sehen, dass sie unmöglich aussieht. Zu Hause muss man aufpassen. Man entscheidet sich erst nach einiger Zeit den schützenden Kabuff zu verlassen. Und nur wenn man sicher ist, dass das Kleid nicht zu weit ausgeschnitten oder die Hose zu eng sitzt. Und warum? Meistens, eigentlich fast immer, hört man schon beim Öffnen des Vorhangs: "Die steht Ihnen aber, Frau croco." Oder "Sie kaufen sich auch Jeans hier, Frau croco." Oder "Heute nicht in der Schule, Frau croco?"

Und das alles liegt am Faktor vier. Der Faktor vier macht, dass einen die halbe Welt kennt, zumindest die halbe Kleinstadtwelt. Also, nehmen wir mal an, eine Schule hat ungefährt 1000 Schüler. Selbst unterrichtet man pro Schuljahr so um 200, Jahr für Jahr. Der Rest sieht einen bei Aufsichten, auf dem Hof und auf den Fluren. Nach 7 Jahren ist die Mannschaft komplett ausgewechselt. Also kennen einen nach 3x7 Jahren maximal 21000 Schüler. Und jetzt kommt der Faktor vier. Diese Kinder haben und hatte Verwandtschaft, Geschwister, Eltern, Oma, Opa. Diese Menschen lernt man dann kennen auf Schulfesten, Elternsprechtagen, im Fitnesstudio, beim Einkaufen oder man wird beim Pizzaessen einfach gezeigt. Ein Kind entdeckt die Lehrerin, ein kleiner Finger fährt aus, der ganze Tisch dreht sich um, und schwupps, alle wissen, wer man ist.

Da es aber auch noch höfliche Kinder gibt, oder Kinder, die Wert darauf legen, dass privat sich nicht mit beruflich mischt, lernt man nicht alle Eltern kennen. Also kennen einen im Schnitt vier weitere Personen. 21000 plus 4x21000. Na? 105.000, in Worten hundertfünftausend Leute grüßen einen, schauen in den Einkaufswagen und in die Umkleidekabine. Das ist als ob einen ganz, sagen wir mal Cottbus, kennen würde.

So, und trotzdem kann es passieren, dass man durch Berlin stampft, oder München. Weit weg von zu Hause. Und auf dem Marienplatz ruft es plötzlich ganz laut "FRAU CROCO!!!!".

"Ja, sowas, Julia, was machen Sie hier?"

"Sie wissen noch, wie ich heiße?"

"Ja, natürlich, Abitur dannundann, zweite Fensterreihe, mittlerer Platz. Und wie haben Sie mich unter tausenden von Leuten hier  weit ab von zu Hause erkannt?"

 "Ich hab Sie ja jahrelang angeschaut . Dann kann ich Sie wohl auch nach zehn Jahren noch erkennen."

Nichts bleibt geheim, nichts.

 

 

 

 

30.9.09 12:46
 
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